Masking: Warum sich Frauen mit AuDHS ständig anpassen

Wenn du nach einem Arbeitstag völlig erschöpft auf dem Sofa liegst und denkst: „Ich habe ja gar nichts Besonderes gemacht", dann könnte Masking der Grund sein. Masking beschreibt eine Strategie, bei der man sein echtes Verhalten unterdrückt und so tut, als wäre man „normal". Für Frauen mit AuDHS ist dies oft eine unbewusste Überlebensstrategie. Sie möchten nicht auffallen, nicht komisch wirken und nicht auf ihr "eigenartiges" Verhalten angesprochen werden. Deshalb passen sie sich an andere und deren vermeintliche Erwartungen an. 

 

Frauen maskieren durchschnittlich mehr als Männer. Schon als kleine Mädchen werden sie sozialisiert, nett, hilfsbereit und angepasst zu sein. Sie lernen früh, Konflikte zu vermeiden und andere zufrieden zu stellen. Es entsteht ein ständiger Zustand des Verstellens und Maskierens. 

 

Was bedeutet Masking? Autist*innen halten Blickkontakt, obwohl es unangenehm ist, weil „das macht man so". Sie beobachten Gleichaltrige und imitieren ihre Gestik, Mimik und Sprachmelodie. Sie planen Gespräche detailliert im Voraus und überlegen sich vorher, was sie sagen können oder Themen, über die sie sprechen könnten. Sie unterdrücken Stimming, wie Finger wackeln oder mit den Haaren spielen, weil das „komisch" aussieht. Sie lachen, wenn andere auch lachen, auch wenn sie es gar nicht lustig finden. Sie entschuldigen sich häufig für Kleinigkeiten, um keine Konflikte auszulösen. 

 

Bei ADHS kommt hinzu, dass innere Unruhe kontrolliert werden muss. Das Zappeln, häufiges Wechseln der Sitzposition oder das schnelle Reden und Unterbrechen anderer werden unterdrückt. ADHS-Frauen lenken sich bewusst ab, statt ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Sie schreiben Aufgaben sofort auf, bevor sie vergessen, sie zu erledigen. Ich bin die Meisterin der Post-its. Die hängen bei mir überall, damit ich nichts vergesse. 

 

Masking kostet enorm viel Energie. Jede soziale Interaktion wird zur bewussten Handlung. Du musst darüber nachdenken: „Wie lange schaue ich jetzt in die Augen?" „Soll ich lächeln?" „War meine Antwort passend?" „Habe ich zu viel erzählt?" Diese Fragen laufen im Hintergrund ab und verbrauchen geistige Ressourcen, die neurotypische Menschen automatisch ohne Nachdenken einsetzen. AuDHSler*innen müssen aktiv daran denken, die Situation analysieren und ihr Verhalten anpassen und das den ganzen Tag lang. Manche haben das Masking so verinerlicht, dass sie sogar vor sich selbst maskieren und auch dann versuchen, sich "normal" zu verhalten, wenn sie alleine sind. Das klingt komisch, aber wenn das Masking nicht bewusst abläuft, kann das durchaus passieren. 

 

Die Folgen von jahrelangem Maskieren sind teilweise gravierend. Viele Frauen wissen am Ende nicht mehr, wer sie wirklich sind. Ihre Persönlichkeit besteht fast ausschließlich aus angepassten Mustern. Sie erkennen erst nach der Diagnose, dass sie sich vor sich selbst maskieren. Erschöpfung ist eine direkte Folge der Anpassung. Am Abend brechen viele zusammen, haben keine Kraft mehr für die eigenen Kinder oder Hobbys. Sie verbringen den Abend am liebsten alleine vor dem Fernseher oder mit einem Buch. Jede weitere Anstrengung wird vermieden, da sie komplett überfordert. 

autistisches und AuDHS-Burnout

Eine weitere Folge kann ein autistisches oder AuDHS-Burnout sein. Wenn die Energiereserven vollständig aufgebraucht sind, fällt der Körper in einen Erschöpfungszustand. Manche können wochenlang nicht mehr aus dem Haus gehen. Das Nervensystem ist so überlastet, dass jede zusätzliche Anforderung zu einem Zusammenbruch führt. Sogar "einfache" Tätigkeiten wie Zähne putzen, duschen oder essen können weiter überfordern und total anstrengend sein. Eine Person im AuDHS-Burnout braucht nach dem Zähneputzen vielleicht eine Stunde Pause auf dem Sofa. Das ist für andere unvorstellbar, denn Zähneputzen machen wir so nebenbei. Der Körper ist so erschöpft, dass jede Bewegung als zu viel empfunden wird. Zum autistischen und AuDHS-Burnout schreibe ich noch einmal einen eigenen Blogartikel. 

 

Das Problem ist: Wenn Masking lange Zeit zur Normalität geworden ist, merken Betroffene oft erst spät, dass sie maskieren. Sie passen sich jeden Tag an, bemerken es aber gar nicht mehr, weil sie es eben jeden Tag machen. Erst eine Diagnose hilft oft dabei, das Verhalten zu hinterfragen. Viele Betroffene fragen sich dann: „Wer bin ich eigentlich und was spiele ich?" Eine wichtige und große Frage, die die meisten Frauen nach der Diagnose beschäftigt. Sie brauchen meist Hilfe, sich selbst richtig kennen und reflektieren zu lernen. 

 

Es ist wichtig zu verstehen, dass Masking nicht grundsätzlich schlecht ist. Es schützt dich in vielen Situationen vor Ausgrenzung und Missverständnissen. Im Beruf ist es oft notwendig, um funktionieren zu können und nicht negativ aufzufallen. Aber du solltest entscheiden, wann und wo du maskieren möchtest, statt es unbewusst durchzuführen. 

 

 

Wer bin ich eigentlich?

Beginne damit, dir sichere Räume zu schaffen, in denen du du selbst sein darfst. Bei engen Freundinnen, in deiner eigenen Wohnung oder im Umgang mit vertrauten Familienmitgliedern kannst du versuchen, nach und nach weniger zu maskieren. Lass zu, dass du kindisch bist, laut Musik hörst oder einfach mal nichts tust. Übe Schritt für Schritt, weniger zu maskieren. Wenn es sich nicht gut anfühlt, dann kehre wieder zu ein bisschen mehr Masking zurück. Versuche, es so gering wie möglich zu halten, aber schütze dich durch Masking, wenn du es brauchst und es dir hilft. 

 

Unmasking ist ein Prozess, kein Projekt für ein paar Tage. Es ist meist ein Leben lang ein Thema. Gib dir Zeit und Raum, um deine eigene Identität zu finden. Du hast viel Zeit dafür. Lass dich von niemandem stressen und mach alles in deinem Tempo. Und akzeptiere, dass du in manchen Situationen weiterhin maskieren wirst. Das ist in Ordnung! Wichtig ist, dass du weißt: Hinter der Maske existierst wirklich DU und du darfst dich langsam kennenlernen. Finde heraus, wer DU bist. 

 

Passe deinen Alltag an deine Bedürfnisse an, nicht dich an alle anderen. Das ist nicht immer ganz einfach, aber in kleinen Schritten kannst du immer näher zu dir kommen. Vielleicht kannst du einen Tag im Homepffice arbeiten, um weniger Reizen ausgesetzt zu sein. Vielleicht kann dein*e Partner*in einkaufen gehen, wenn dir das schwer fällt und dich stresst. Vielleicht kannst du zwischendurch immer wieder 5 Minuten Pausen in deinen Alltag einbauen, um dich kurz zu erholen und zu entspannen. Es können Kleinigkeiten sein, die dein Leben erleichtern. 

 

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Mag. Birgit Schmidtgrabmer

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private Klinische und Gesundheitspsychologin

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