Reizüberflutung bei Autismus

Autist*innen nehmen viel mehr Reize wahr. Dadurch sind sie schneller überreizt. Es fällt ihnen schwer, sich zu erholen und die Energie wieder aufzuladen. Immer mehr Reize strömen auf uns ein und die Energie kann sich selten wirklich wieder ganz auffüllen.
Reize können besonders stark oder schwach wahrgenommen werden.

Es gibt viele verschiedene Reize:

  • Lichter
  • Geräusche
  • Gerüche
  • Geschmack
  • Kleidung
  • taktile Reize

 

Geschmack

Manche Autist*innen sind sehr geschmacksempfindlich. In der Kindheit essen sie oft nur wenige ausgewählte Nahrungsmittel. Es gibt meist ein safe food, das ist Essen, das man immer essen kann. Bei manchen Menschen sind das Pommes oder Nudeln, andere essen gerne Süßes. Das ist Essen, über das man nicht nachdenken muss. Was ich essen möchte, ist immer eine Entscheidung und die kostet Energie. Daher ist es einfacher, wenn man immer das gleiche isst, dann muss man nicht darüber nachdenken. Ich habe z. B. immer Schokolade, Kekse und Käse zuhause. Das kann ich immer essen und ich muss dafür nichts vorbereiten. Kochen mag ich nämlich nicht. Deshalb versuche ich, möglichst einfach zu essen. Mein Freund kocht zum Glück immer für mich, damit ich auch was Gesundes esse.

Auch als Erwachsene sind Autist*innen oft wählerisch beim Essen, weil sie gewisse Lebensmittel nicht essen können, weil sie unangenehm riechen, sich im Mund komisch anfühlen oder der Geschmack einfach nicht passt. Wenn du jemanden kennst, der sehr heikel ist, und auch als Erwachsene*r noch wenige Lebensmittel isst bzw. immer safe food braucht, könnte es sich um Autismus handeln. Allerdings sind nicht alle Menschen mit speziellem Esseverhalten Autist*innen.

Bei manchen ist es auch so, dass sie Lebensmittel nur getrennt essen. Die Nudeln dürfen z. B. nicht die Soße berühren.

Oft wird auch immer das gleiche Frühstück oder Abendessen gegessen, damit man nicht darüber nachdenken muss. Das erleichtert die Essensplanung.

visuelle Reize

Licht und visuelle Reize können sehr intensiv sein. Autist*innen nehmen visuelle Reize oft extrem wahr und leiden unter Helligkeit. Neonlichter, bestimmte Farbtöne des Lichts oder Sonneneinstrahlung, all das kann anstrengen und überreizen. Es kostet viel Energie, wenn Autist*innen zu viel Licht ausgesetzt sind. Manche bekommen Kopfschmerzen oder Migräne davon, andere werden einfach unrund, weil es ihnen zu hell ist.

Was kann helfen?

  • Sonnenbrillen
  • indirektes Licht
  • dimmbares Licht
  • Vorhänge
  • Jalousien

Da Autist*innen Reize besonders wahrnehmen und verarbeiten, erkennen manche auch minimale Unterschiede zwischen verschiedenen Lichtfarben. Es gibt dann Lichter, die mögen sie und Lichter, die sind unangenehm, weil die Lichtfarbe nicht passt.

Mir hat einmal jemand erzählt, dass er immer Kopfschmerzen bekommt, wenn er zu lange in der Sonne oder im Neonlicht ist. Daher versucht er, Sonne mit Sonnenbrillen und Kapperl abzuschirmen. Das Neonlicht in der Arbeit ist oft schwer auszuschalten. Einige tragen auch im Bus oder Supermarkt eine Sonnenbrille, weil sie das Neonlicht nicht vertragen, weil es ihnen zu hell und grell ist.

Blinklichter sind auch ein Problem, weil sie unregelmäßig blinken und immer wieder hell und dunkel abgewechselt wird. Das kann zur Überreizung führen.

 

Taktile Reize: Kleidung

Kleidung ist für viele Autist*innen ein echt schwieriges Thema, denn Kleidung ist zu eng, zu weit, zu flatterig, sie hat Nähte an unpraktischen Stellen, drückt, juckt, kratzt oder engt ein. All das ist unangenehm. Neurotypische Menschen spüren ihre Kleidung im Normalfall nicht. Sie wissen, dass sie etwas anhaben, aber sie spüren sie nicht den ganzen Tag. Sie spüren, wenn etwas wirklich unangenehm ist und weh tut. Autist*innen fühlen ihre Kleidung oft den ganzen Tag. Es kommt auch vor, dass ein Kleidungsstück an einem Tag geht und am nächsten Tag juckt oder kratzt und man es nicht mehr anziehen kann. Das klingt wirklich blöd, ist aber so. Vor allem bei Kindern kommt das öfter vor. Sie probieren manchmal alle Socken oder Unterhosen durch, bis sie eine passende für den Tag finden.
Erwachsene lösen dieses Problem oft so, indem sie sich das gleiche Kleidungsstück mehrmals in verschiedenen Farben kaufen, so haben sie nicht immer das gleiche an, aber irgendwie doch.

Für mich war es schon immer total schweirig, Schuhe zu kaufen. Meine Mama ist irgendwann nicht mehr mit mir Schuhe kaufen gegangen, weil es jedes Mal eine Katastrophe war. Meine Cousine war dann mit mir einkaufen. Es ist mir nicht nur einmal passiert, dass ich Schuhe im Geschäft probiert habe, sie mir dort gepasst haben und als sie das 1. Mal anziehen wollte, haben sie gedrückt und ich konnte sie nicht anziehen. So standen irgendwann Schuhe zuhause im Kasten, die ich nur einmal oder nie anhatte. Ich habe aber nicht viele Schuhe, weil ich Schuhekaufen ja hasse. Ich kaufe mir immer dann neue Schuhe, wenn die alten (fast) kaputt sind, denn dann muss ich neue kaufen. Lange Zeit habe ich immer wieder die gleiche Marke oder möglichst das gleiche Modell gekauft, aber Schuhmodelle ändern sich leider ständig.

 

Auch Socken sind für viele ein großes Problem, weil sie Nähte haben, wo eigentlich keine sein sollten. Das drückt dann. Wenn man das den ganzen Tag spürt, wird man wahnsinnig. Es ist aber auch sehr schwer, das unangenehme Gefühl auszublenden.

Einige Autist*innen mögen auch keine Winterkleidung, weil die einengt und zu dick ist. 


Stoffe und Nähte sind ein ganz wichtiger Punkt bei Kleidung. Die müssen angenehm sein. Dann passt ein Kleidungsstück gut. Lieblingsteile werden meist getragen, bis sie auseinanderfallen oder man versucht, das gleiche noch einmal zu bekommen, damit man sich nicht davon trennen muss.

Markerl in T-Shirts oder Unterhosen werden oft sofort herausgeschnitten, weil sie automatisch jucken und unangenehm sind. Viele Eltern machen das schon vorsorglich, weil sie wissen, dass ihre Kinder das unangenehm finden oder weil sie das bei ihren eigenen T-Shirts auch machen. Da Autismus oft vererbt wird, kennen das Problem meist Eltern und Kinder.

 

Geruch

Gerüche können sehr intensiv sein und Ekel oder Unwohlsein auslösen, sie können aber auch sehr angenehm und schön sein. Oft werden mit Gerüchen Erinnerungen verknüpft, z. B. der Geruch von Omas Haus oder ein Gewürz, das in der Kindheit im Garten gewachsen ist.  

Künstliche Düfte sind für viele schwierig zu ertragen. Sie können Ekel oder Übelkeit hervorrufen. Ich habe auch schon von Autist*innen gehört, dass sie dann so lange wie möglich die Luft anhalten, um den Geruch nicht riechen zu müssen. Gerüche könne auch Kopfschmerzen auslösen, weil die Reizung zu stark wird.

 

Auch Zigaretten- und Zigarrengestank ist für viele Autist*innen schwer aushaltbar. Zum Glück darf man jetzt in Restaurants und so nicht mehr rauchen. Als nächstes sollte rauchen auch im Gastgarten verboten werden, denn dort stört es alle anderen. Wenn am Nebentisch jemand raucht und man isst gerade, dass nervt das wirklich.

Autist*innen nehmen Gerüche oft sehr stark wahr. Andere riechen das (noch) gar nicht. Einige können verdorbene Lebensmittel riechen, bevor sie krankheitserregend werden, aber auch nicht mehr wirklich frisch sind.
Andere nehmen Gerüche sehr schlecht wahr und riechen weniger als andere. Es gibt beide Ausprägungen bei Autismus.

Unangenehme Gerüche verbrauchen viel Energie, weil dieser unangenehme Reiz verarbeitet werden muss und das ist anstrengend. Die Konzentration leidet und es können auch gefährliche Situationen entstehen, wenn im Straßenverkehr plötzlich unangenehme Gerüche auftauchen und sich die Leute nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren können. Aber auch in Prüfungssituationen oder in der Arbeit können Gerüche die Produktivität beeinflussen.

Manche Menschen verwenden Duftöle, um sich besser konzentrieren zu können. Das ist auch ok, wenn es ihnen hilft. Manchen Leuten hilft das. Es ist aber nicht wissenschaftlich belegt. Es ist nur ein Placebo-Effekt. Bei anderen können die Düfte auch zur Überreizung oder zu Kopfschmerzen führen. Deshalb sollte man das immer beachten, wenn man Düfte in der Öffentlichkeit nutzt.

Geräusche

Geräusche können sehr überwältigend sein. Einige Autist*innen hören alle Geräusche gleich laut, die Stimme der Gesprächspartnerin, das Ticken der Uhr, das Klappern der Teller, das Rasseln des Geldes der Kellnerin, die Gespräche an den anderen Tischen. Alles klingt gleich laut und es ist gar nicht so einfach, die Stimme der Gesprächspartnerin aus den ganzen Geräuschen herauszufiltern und dem Gespräch zu folgen. Kennst du das auch? Du hörst alles, aber es fällt dir schwer, der Erzählung deines Gegenübers zu folgen?

Wenn es sehr laut ist, kann das sehr anstrengend und auslaugend sein. Viele laute Geräusche über den Tag verteilt führen am Abend oft zu Erschöpfung oder sogar zu einem Meltdown.

Ich höre auch immer wieder, dass Autist*innen selbst sehr laut sind und schreien. Das halten sie dann gut aus. Wenn das andere machen, ist es ihnen zu viel. Dafür gibt es eine logische Erklärung: Wenn man selbst laut ist, weiß man das vorher und kann sich darauf einstellen, es kommt nicht überraschend und kann daher gut verarbeitet werden. Außerdem kann man selbst jederzeit wieder damit aufhören, wenn es einem zu viel wird. Man hat also die Kontrolle über die Geräusche. Wenn jemand anderer laut ist, kann man das selbst nicht steuern, das führt zu Kontrollverlust und kostet viel Energie.
Ich kenne auch Autist*innen, die in die Disco oder in den Techno-Club gehen. Sie wissen dann, dass es dort laut ist und mögen die Musik. Sie können sich darauf einstellen. Wenn aber im Nebenhaus eine Baustelle eröffnet wird oder die Hunde der Nachbarn stundenlang bellen, kann das überfordern, obwohl es nicht so laut ist, wie im Club. Es ist aber nicht steuer- und beeinflussbar und das stresst.

Gegen zu laute Geräusche können Kopfhörer oder Ohropax helfen. Dann werden die Geräusche gedämpft oder abgeschirmt. Vor allem, wenn eine Person schon stark überreizt ist, hilft es, noch mehr akustische Reize abzuschirmen. Auch als Vorbeugung vor Überreizung können Noise-Cancelling-Kopfhörer sehr gut helfen.

Einige reagieren auch stark auf hohe Töne oder Piepsgeräusche. Diese können sich besonders unangenehm anfühlen.

Musik kann hilfreich sein, weil sie beruhigt und als Stimming eingesetzt werden kann.

 

In diesem Artikel habe ich die verschiedenen Reizquellen benannt und kurz erklärt.

 

Wie geht es dir mit Reizen? Was magst du? Was stresst dich sehr?

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Mag. Birgit Schmidtgrabmer

Neustiftgasse 66/3/3

1070 Wien

 

[email protected]

 

private Klinische und Gesundheitspsychologin

keine Kassen