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Scham bei Legasthenie und Dyskalkulie: Wie prägen sie das Selbstbild und wie können wir es wieder stärken

Legasthenie und Dyskalkulie werden in unserer Gesellschaft oft fälschlicherweise auf rein kognitive Defizite reduziert. Es wird angenommen, ein Kind mit Legasthenie habe einfach „Schwierigkeiten beim Lesen" oder jemand mit Dyskalkulie könne „schlecht rechnen". Doch diese Definition ist zu kurz. Das eigentliche Leid entsteht nicht durch die Fehler an sich, sondern durch die emotionale Belastung. Kinder erleben die ständige Erfahrung von Scheitern, Scham und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Sie bekommen viele negative Rückmeldungen, machen gefühlt immer alles falsch und fühlen sich irgendwann schlechter als die anderen. 

Der Teufelskreis aus Stress und Blockade

Bei Legasthenie ist der Zusammenhang zwischen Emotion und Leistung besonders eng. Ein Kind, das vorlesen muss, spürt sofort die Anspannung. Der Körper schüttet Stresshormone aus, die das Gedächtnis blockieren. Das Kind macht mehr Fehler, wird korrigiert, schämt sich, und der nächste Versuch wird noch schwieriger. Das ist ein Teufelskreis. Das Kind hat noch mehr Angst, dadurch noch mehr Stress und das Gehirn kann die Buchstaben weniger gut verarbeiten. Das Kind macht wieder viele Fehler. Das führt dazu, dass Kinder lernen: „Ich bin dumm." Dabei sind sie oft hochintelligent und kompensieren ihre Schwierigkeiten jahrelang durch Perfektionismus oder Auswendiglernen, bis es irgendwann nicht mehr geht. Irgendwann werden die Texte zu lang und komplex, die Kinder werden in der vorgegebenen Zeit nicht mehr fertig oder sie machen mehr Fehler, weil sie sich verstärkt auf den Inhalt und den Aufbau des Textes konzentrieren und dadurch die Rechtschreibung nicht mehr kompensieren können. 

 

Ähnlich verhält es sich bei der Dyskalkulie. Wer Schwierigkeiten mit Zahlen hat, hat oft Probleme bei der Alltagsbewältigung. Zahlen gelten als universell und selbstverständlich. Wenn ein Erwachsener nicht schnell das Trinkgeld berechnen kann oder ein Kind Schwierigkeiten hat, Mengen einzuschätzen, interpretiert die Umgebung das schnell als mangelnde Intelligenz oder Faulheit. Die betroffene Person fühlt sich bloßgestellt. Die Angst vor diesen Situationen führt zu Vermeidung. Man versucht, andere die Rechnung bezahlen zu lassen, man fragt nicht nach dem Preis, man meidet den Mathe-Unterricht. Doch jede Vermeidung stärkt nur das Gefühl der Hilflosigkeit und senkt den Selbstwert weiter. Auch das Lesen der Uhr fällt vielen Menschen mit Dyskalkulie lange schwer. Wenn dich jemand nach der Uhrzeit fragt, dann gib ihm oder ihr eine Antwort und verweise sie bitte nicht nur auf die Uhr, die an der Bushaltestelle ist. Vielleicht kann die Person diese Uhr nämlich nicht lesen. Darüber sind wir uns im Alltag oft nicht bewusst. Es ist keine Faulheit, es ist die Frage nach Hilfe und Hilfe hat jede*r verdient. 

 

"Es liegt an mir"

Leider suchen Betroffene die Schuld meist bei sich selbst. Die Umwelt gibt oft unbeabsichtigt das Gefühl: „Andere können das doch auch, also musst du es auch können." Dass das Gehirn von Menschen mit Legasthenie oder Dyskalkulie Informationen anders verarbeitet, bleibt oft unsichtbar. Außenstehende wissen das meist nicht und sehen nur das Ergebnis: eine schlechte Note, eine langsame Lesegeschwindigkeit, viele Fehler in einem E-Mail, ein falscher Betrag. Die Folge ist Minderwertigkeitsgefühl, das oft bis ins Erwachsenenalter nachwirkt. Erwachsene mit Dyskalkulie melden sich vielleicht selten zu Wort, wenn es um Geld oder Rechnen geht, oder vermeiden Berufe, bei denen Zahlen eine Rolle spielen, obwohl sie in anderen Bereichen richtig gut sind. Legasthene Menschen vermeiden es, Protokoll zu schreiben oder vor anderen zu schreiben, das laute Vorlesen und oft lassen sie wichtige E-Mails oder Texte von vertrauten Menschen korrigieren, bevor sie sie absenden. 

 

Was mir besonders auffällt, ist dass Kinder nur ihre Fehler sehen. Sie erkennen oft gar nicht mehr, wie viel sie aber richtig haben. Wenn das Kind bei einem Test 5 falsche, aber 17 richtige Antworten hat, sagt es im Normalfall, dass es 5 Fehler hat. Ich versuche immer, den Fokus auf die vielen richtigen Punkte zu lenken. Bei manchen Kindern löst das ein kleines und kurzfristiges Umdenken aus und sie sind stolz darauf, schon viel zu können. Langfristig vergessen sie das leider wieder. Andere Kinder können nichts damit anfangen, wenn ich sie darauf hinweise, dass sie vieles richtig gelöst haben. Sie sind zu sehr auf die Fehler geprägt, als dass sie das Positive in der Situation sehen können. 

 

Wenn du Legasthenie oder Dyskalkulie hast, dann liegt es nicht an dir, dass du langsamer liest oder rechnest. Din Gehirn verarbeitet die Zeichen, Zahlen und Buchstaben anders und daher dauert es länger, bis Wörter und Rechenwege bei dir automatisiert werden. Es dauert länger, aber das ist völlig in Ordnung. Auch beim Lernen eines Musikintruments, einer neuen Sprache oder beim Sport braucht jede Person so lange, wie sie eben braucht. Wir sind alle Menschen und zum Glück individuell. Sonst wäre die Welt richtig langweilig... 

Wie wir den Selbstwert stärken

Reines Training der schwierigen Punte reicht oft nicht. Wir müssen den inneren Dialog verändern und uns auf unsere Stärken fokussieren. Hier sind 3 Möglichkeiten, den Selbstwert wieder zu stärken:  

  1. Fehler neu definieren: Fehler sind wichtige Schritte im Lernprozess. Das Kind ist nicht dumm, sondern es lernt gerade. Beim Laufenlernen sind wir auch oft hingefallen und irgendwann ging es dann besser. So ist es auch beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Ein Kind muss wissen: „Du hast dich sehr angestrengt. Der Fehler zeigt uns, wo wir noch üben können, nicht wer du bist." Fehler haben nichts mit dem Charakter oder der Intelligenz zu tun. Das Kind darf und soll Hilfsmittel nutzen, damit es leichter rechnen (Legematerial, Abaco, Taschenrechner), lesen (abdecken, Lesefolie) oder schreiben (Wörterbuch, Wortliste) kann. 
  2. Stärken-Sammeln jenseits der Schule: Viele dieser Kinder haben großes Talent in kreativen, sozialen oder handwerklichen Bereichen. Ein Kind, das Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung hat, kann vielleicht fantastische Geschichten erfinden, schön zeichnen oder andere trösten. Kinder mit Rechenschwierigkeiten sind vielleicht hilfsbereit, mutig, tolle Schauspieler*innen, Sportler*innen oder sie können gut kochen und backen. 
  3. Buchstaben im Namen (aus meinem Buch): Eine einfache, aber motivierende Übung ist Buchstaben im Namen. Schreibe den Namen des Kindes auf, so dass alle Buchstaben untereinander stehen. Nun sucht das Kind für jeden Buchstaben eine positive Eigenschaft oder eine Fähigkeit (s = sportlich, m = mutig, musikalisch, h = hilfsbereit). Dies hilft, das negative Bild durch ein Selbstbild eines vielseitigen, tollen Menschen zu ersetzen. Wenn es dem Kind schwer fällt, zu jedem Buchstaben eine passende Eigenschaft zu finden, sucht gemeinsam. Wenn ihr nichts findet, darf der Buchstabe auch in der Mitte eines Wortes vorkommen. 

Ein neuer Blickwinkel

Wenn wir verstehen, dass hinter jedem mathematischen Fehler oder jedem verschluckten oder vertauschten Buchstaben eine emotionale Katastrophe stehen kann, ändern wir unsere Sichtweise. Wir hören auf zu fordern, dass sich das Kind anpasst. Kinder machen die Fehler nicht absichtlich. Wir sollten lieber fragen: „Was braucht dieses Nervensystem, um sich sicher zu fühlen?" Emotionale Entlastung entsteht, wenn wir spüren: Du bist nicht der Fehler. Deine Art zu denken ist einzigartig und deine Gefühle sind wichtig. Lass uns zusammenarbeiten, um deine Stärken wiederzufinden und sie weiter zu stärken. 

 

Ein Kind, das gut zeichnen kann, sollte beim Zeichnen gefördert werden. Ein Kind, das gut turnen kann, kann in einem Turnverein noch viel besser werden. Ein Kind, das musikalisch ist, kann in einem Chor besser singen oder im Musikunterricht ein Insturment wirklich professionell erlernen. Ein Kind, das kreative Geschichten schreibt, sollte motiviert werden, weiter Geschichten zu schreiben und sie vielleicht auch anderen vorzulesen oder bei einem Schreibwettbewerb teilzunehmen. 

 

Jeder Mensch kann irgendetwas richtig gut. Finde heraus, was dein Kind richtig gut kann und fordere genau diese Stärke! So kann dein Kind wieder selbstbewusster werden, weil es etwas richtig gut kann. 

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